09. Oktober 2025

Kleines Anlageuniversum, grosse Diskussionen – Teil 1

Geschrieben von: Manuel Wirth und Ramun Derungs

Nachhaltigkeitsanalyst Manuel Wirth und Portfoliomanager Ramun Derungs arbeiten zwar in zwei unterschiedlichen Teams, doch sie haben regelmässig miteinander zu tun. Denn das Portfoliomanagement und das Nachhaltigkeitsresearch sind gemeinsam verantwortlich für die Zusammenstellung eines Anlageuniversums aus börsenkotierten Unternehmen, die sowohl aus finanzieller als auch aus Nachhaltigkeitssicht höchste Qualitätsanforderungen erfüllen. In Teil 1 dieser Dialogserie reflektieren sie über ihre unterschiedlichen Verständnisse von Nachhaltigkeit, und wie das ihre Zusammenarbeit sowohl fordert als auch bereichert.

Manuel Wirth

Ramun, du schlägst uns regelmässig Unternehmen vor, die aus deiner Sicht gut in unser nachhaltiges Anlageuniversum passen würden. Leider schaffen es nur wenige in unser Anlageuniversum, weil wir hohe Anforderungen an die Nachhaltigkeit stellen – was für dich bestimmt etwas frustrierend sein kann. Worin siehst du die Unterschiede zwischen deinem und unserem Verständnis von Nachhaltigkeit?

Ramun Derungs

Ich glaube nicht, dass unsere Ansätze grundsätzlich verschieden sind oder sich gar widersprechen. Wir setzen einfach andere Schwerpunkte. Für mich steht die Langlebigkeit eines Unternehmens im Zentrum – also die Frage: Wo steht es in fünf oder zehn Jahren? Wird es seine Produkte oder Dienstleistungen dann noch in größerem Umfang oder zu höheren Preisen verkaufen können? Entscheidend ist für mich auch, wie die Geschäftsleitung Kapital einsetzt: Ist sie bereit, in die Zukunft zu investieren, selbst wenn das kurzfristig die Gewinne schmälert? Ich gebe aber zu: Dass ihr im Nachhaltigkeitsresearch bei Forma Futura wirklich etwas zu sagen habt, und unseren Spielraum im Portfoliomanagement einschränkt, fordert mich auch auf eine positive Weise heraus. Es zwingt mich, kreativ zu werden und auf der Suche nach spannenden Investments noch genauer hinzuschauen.

Manuel Wirth

Das freut mich zu hören! Für uns entscheidet sich die Einstufung eines Unternehmens als „nachhaltig“ nämlich immer anhand einer Vielzahl von Faktoren. Dieses Label, wenn man so will, ist das Ergebnis eines umfassenden, qualitativen Bewertungsprozesses, der über das gängige ESG-Modell hinausgeht. Klar, wir beziehen auch zahlreiche soziale, ökologische und Governance-Aspekte mit ein. Aber wir beurteilen auch die Geschäftsstrategie und Produkte/Dienstleistungen eines Unternehmens. Je nach Unternehmen setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte, da nicht jedes Nachhaltigkeitsthema in jeder Branche gleich relevant ist.

Ramun Derungs

Das verstehe ich gut. Ich fände es jedoch spannend, wenn die zeitliche Dimension in eurer Nachhaltigkeitsmethodik stärker berücksichtigt würde. Auch aus Portfoliomanagement-Sicht ist nämlich entscheidend, wie die Unternehmensführung die Ansprüche verschiedener Stakeholder über die Zeit hinweg austariert.
Ein Beispiel ist das US-Warenhaus Costco – das zwar nicht in unserem Universum ist, aber interessant wäre. Costco hat seine Skaleneffekte genutzt, um Preise für Kunden zu senken. Das hat die Kundenzufriedenheit gesteigert, den Absatz erhöht und das Unternehmen langfristig wettbewerbsfähiger gemacht. Solche Entwicklungen zeigen, wie Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit über die Zeit zusammenspielen können.

Manuel Wirth

Das leuchtet ein. Aber müsste man dann nicht gerade aufgrund dieser langfristigen Perspektive die Nachhaltigkeitsdimensionen noch stärker berücksichtigen? Ökologische Krisen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust oder Bodendegradation, aber auch soziale Entwicklungen wie Migration oder demografische Veränderungen bergen doch erhebliche finanzielle Risiken. Nachhaltigkeit ist schon aus betriebswirtschaftlicher Sicht ein zentraler Erfolgsfaktor – stimmst du dem zu?

Ramun Derungs

Absolut, Unternehmen sind Teil unseres Ökosystems und hängen von intakter Natur und Gesellschaft ab. Gleichzeitig müssen wir pragmatisch bleiben: Wir investieren in einem kleinen, streng kuratierten Anlageuniversum mit börsennotierten Titeln – also in Firmen, die realen Marktkräften unterliegen. Dieses bewusst eingeschränkte Opportunity-Set ist spannend, aber auch herausfordernd.
Gerade das macht es für mich interessant: Mit dieser Begrenzung kreativ umzugehen, den Spielraum optimal zu nutzen und Chancen zu entdecken, die vielleicht auf den ersten Blick nicht ins Raster passen. Und um die ökonomische Perspektive mit der Nachhaltigkeitsperspektive zu vereinen, braucht es eine gute Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Teams.

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