09. Juni 2022

Zwischen Fortschritt und Risiko: Grüne Gentechnik auf dem Prüfstand

Die Grüne Gentechnik gilt seit Jahrzehnten als eine der umstrittensten Innovationen in der Landwirtschaft. Ihre Befürworterinnen sehen in gentechnisch veränderten Pflanzen ein Mittel, um Erträge zu steigern, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren und die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung zu sichern. Kritikerinnen hingegen warnen vor ökologischen Risiken, unkalkulierbaren Langzeitfolgen für Mensch und Umwelt sowie einer zunehmenden Abhängigkeit von Agrarkonzernen. Zwischen dem Versprechen technologischen Fortschritts und den ökologischen wie sozialen Gefahren stellt sich die Frage, welchen Beitrag die Grüne Gentechnik tatsächlich zu einer nachhaltigen Landwirtschaft leisten kann – und wo ihre Grenzen liegen.

Grüne Gentechnik bezeichnet die Anwendung von gentechnischen Verfahren in der Pflanzen- und Tierzüchtung, um ihnen bestimmte Eigenschaften zu verleihen oder unerwünschte Eigenschaften zu entfernen. Sie wird in der Landwirtschaft und im Lebensmittelbereich eingesetzt, in 27 Ländern weltweit. Über 90 Prozent des globalen Anbaus von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) entfällt auf nur fünf Länder: die USA, Brasilien, Argentinien, Kanada und Indien.

In Europa ist der Einsatz von Grüner Gentechnik Gegenstand eines fortwährenden gesellschaftlichen Diskurses. Bisher werden auf europäischem Boden nur in Portugal und Spanien gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut.

In der Schweiz dürfen GVO nicht angebaut werden. Bereits heute jedoch ist der Import von GVO Lebens- und Futtermitteln zugelassen. Obwohl es die Möglichkeit gibt, GVO Tierfutter in die Schweiz zu importieren, wurde davon bisher kein Gebrauch gemacht¹. Auch die bewilligten Zusatz- und Verarbeitungsstoffe sind im Detailhandel nicht zu finden. Der National- und Ständerat hat im Frühjahr 2025 das Moratorium für den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Landwirtschaft um weitere fünf Jahre bis Ende 2030 verlängert. Auch neue Gentechnikverfahren wie die Genomeditierung mit Crispr/Cas9 sind im Moratorium miteingeschlossen.

Keine Trendwende in Sicht:

Aufgrund von politischen und wissenschaftlichen Entwicklungen hat sich Forma Futura 2022 erneut vertieft mit der Grünen Gentechnik und mit den neuen gentechnischen Verfahren auseinandergesetzt und verfolgt das Thema seither kontinuierlich.

Es gibt derzeit zwei Hauptverwendungen von GVO:

  1. Pflanzen enthalten durch gentechnische Veränderungen ein Gift, das Schädlinge tötet und die Pflanzen dadurch resistent macht.
  2. Pflanzen werden durch gentechnische Veränderungen resistent gegen bestimmte Pestizide gemacht, sodass Felder gespritzt werden können und nur das Unkraut vernichtet wird.

In der Lebensmittelindustrie werden Lebensmittel dahingehend verändert, dass sie mehr Nährstoffe und Vitamine enthalten, oder auch einen höheren Proteingehalt aufweisen.

  • Gesundheitsschädigung, Allergene: Die Gefahr der Gesundheitsschädigung durch gentechnisch veränderte Lebensmittel ist eher als gering bzw. gleichwertig zu konventionell erzeugten Lebensmitteln einzustufen. Gentechnisch veränderte Rohstoffe unterliegen umfangreichen Prüfungen und erhalten bei Verdacht auf allergenes Potential keine Zulassung. Ein Einfluss auf vermehrte Antibiotikaresistenzen wird als unwahrscheinlich eingeschätzt.
  • Ethische Bedenken: Bei Pflanzen werden keine ethischen Handlungsgrenzen gesehen. Gentechnische Modifikationen an Tieren sind gesellschaftlich jedoch kaum akzeptiert – gleichwohl finden sie statt. Der Grenzbereich beginnt bereits bei artenübergreifender Durchmischung, beispielsweise von Mikroorganismen und Pflanzen.

Die wichtigsten Vorteile von Grüner Gentechnik im Faktencheck

  • Nutzpflanzensorten sollen schneller und effektiver den Wünschen des Marktes angepasst werden können. Dadurch soll mehr Ertrag auf weniger Fläche möglich sein. –> Die Methoden haben das Potenzial, landwirtschaftliche Erträge zu steigern. Dies ist jedoch stark abhängig von den Umweltbedingungen, dem Anbaumanagement und regulatorischen wie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
  • Der Pestizideinsatz soll verringert werden können. Dadurch könne die Gesundheit von Landwirt:innen geschützt werden. –> Vor allem im Sojaanbau geht der erhöhte Pestizideinsatz mit dem Anbau gentechnisch veränderten Saatgutes einher, wie diese Grafik eindrücklich zeigt.

Nebst den Vorteilen der Grünen Gentechnik birgt die Technologie auch einige Risiken:

  • Erhöhte Abhängigkeit der Landwirt:innen von Saatgutkonzernen aufgrund des langjährigen Patentschutzes von GV-Saatgut
  • Die Einwanderung von GVO in natürliche Lebensräume oder auf Nachbarfelder kann nicht vermieden werden.
  • Schädigung von Nicht-Ziel-Organismen durch gentechnisch eingebrachte Insektizide in Nutzpflanzen
  • Resistenzbildungen in Unkräutern und Schadinsekten, die wiederum die Entwicklung neuer GV-Sorten und Pflanzenschutzmittel erfordern
  • Reduktion der Artenvielfalt aufgrund von Verdrängung durch GV-Sorten, was zu anfälligen Monokulturen führt

Wie steht Forma Futura zu neuen Technologien der Genmodifikation wie CRISPR/Cas9?

Bisher wurden mit Gentechnikverfahren überwiegend herbizid- und schädlingsresistente Pflanzen entwickelt. Bei diesem Gentechnikverfahren konnte der Ort des Einbaus eines neuen Genabschnittes nicht kontrolliert werden und komplexere gentechnische Veränderungen liessen sich kaum herstellen. Mit den neuen Gentechnikverfahren soll es möglich sein, das Erbgut und die Genregulation zielgerichtet, geplant und ohne erhebliche Nebenwirkungen zu verändern.

«Zurzeit steht die Risikobeurteilung der neuen gentechnischen Verfahren auf einer sehr schwachen Datenlage sowie tiefen Erfahrungswerten.»

Da es auch bei den neuen Technologien noch sehr viele Unsicherheiten gibt, setzt Forma Futura auf das Vorsorgeprinzip und wählt wegen unabsehbaren Folgen und Einwirkungen auf Ökosysteme und soziale Strukturen den Weg der Einzelfallprüfung bei der Beurteilung von Unternehmen.

Unternehmensdialog zum Einsatz Grüner Gentechnik

Unternehmen, welche mit gentechnisch verändertem Saatgut, Pflanzenschutzmitteln, Dünger oder Tierfutter Umsatz generieren, werden bei Forma Futura besonders kritisch analysiert. Bei Unternehmen im Lebensmittelbereich ist die Einschätzung, ob sie auf GVO zurückgreifen und diese einsetzen, sehr schwer nachvollziehbar. Dies liegt insbesondere an der mangelnden Transparenz der Unternehmen.

Deswegen ist Forma Futura mit den potenziell betroffenen Unternehmen in Kontakt getreten. Im Dialog waren zentrale Fragestellungen ihre Haltung gegenüber GVO, die Umsatzanteile der von GVO betroffenen Produkte und die Transparenz gegenüber ihren Kundinnen und Kunden (Kennzeichnung von GVO Produkten). Erfreulicherweise stellte sich heraus, dass bis auf ein Unternehmen alle kontaktierten Firmen im Anlageuniversum den Konsument:innen ermöglichen, auf Nicht-GVO-Produkte zurückzugreifen. Weiter setzen sie auf eine hohe Transparenz und konnten uns ihre Haltung und Prinzipien beim Einsatz von GVO nachvollziehbar darlegen. Das US-Unternehmen Campbell Soup Co. schlossen wir 2022 trotz einem sehr konstruktiven und transparenten Dialog aus dem Anlageuniversum aus, da der Umsatzanteil von GVO über 99 Prozent beträgt und somit keine Wahlmöglichkeit für Konsument:innen besteht.

Das Thema Grüne Gentechnik zeigte uns erneut auf, welchen hohen Stellenwert eine transparente Berichterstattung und eine solide Datenlage für unsere Beurteilung von Unternehmen einnimmt. Auch weiterhin werden wir mit den Unternehmen in Kontakt stehen und sie zu einer erhöhten Transparenz auffordern.

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