03. März 2026

Unternehmensdialog 2025: Sustainable Finance unter geopolitischem Einfluss

Nachhaltigkeit ist mittlerweile Mainstream – auch in der Finanzbranche. Für Anleger:innen, aber auch für Analyst:innen wird es immer schwieriger, echtes Engagement von blossen Lippenbekenntnissen zu unterscheiden. Der Unternehmensdialog ist für Forma Futura ein integriertes und bewährtes Instrument, Unternehmen in Bezug auf ihre Nachhaltigkeitsbekenntnisse zu prüfen.

Mit Freude blicken wir auf ein weiteres Jahr zurück, in dem wir uns mit Überzeugung und Zuversicht für nachhaltigen Wandel eingesetzt haben. Denn die Herausforderungen des Jahres 2025 haben uns einmal mehr gezeigt, wie wichtig unser gemeinsamer Einsatz ist. Sowohl die Anti-ESG Bewegung aus den USA als auch klima- und umweltpolitische Rückschläge innerhalb der EU (z. B. das Omnibus Gesetzespaket) prägten unsere Arbeit in diesem Jahr in vielfacher Hinsicht.

Insbesondere zeigt sich dieser Umstand im Engagement und Proxy Voting, zwei wichtige Instrumente des nachhaltigen Finanzierens, die vor allem in den USA unter Druck gerieten. Die US-Börsenaufsichtsbehörde (SEC) instrumentalisiert kartellrechtliche Vorschriften, um den Einfluss von ESG-orientierten Investoren, Stimmrechtsberatenden und Finanzinstituten einzuschränken und somit gemeinsame Initiativen im Sinne der Nachhaltigkeit zu erschweren. Unter diesem politischen Druck gerieten grundlegende kollektive Nachhaltigkeitsverpflichtungen ins Wanken, wie es die Auflösung der Net-Zero Banking Alliance im Oktober 2025 zeigt.

Das Jahr 2025 in Zahlen

Im Jahr 2025 führten wir 80 Dialoge mit den Unternehmen in unserem Anlageuniversum. Die nach wie vor hohe Rücklaufquote von 75% und die überwiegend hohe Qualität der Antworten beweisen, dass unser Unternehmensdialog trotz des schwierigeren Umfelds weiterhin ernst genommen wird und Wirkung zeigt. Angesichts der Gegenströmungen im Bereich Nachhaltigkeit und der zunehmenden Zurückhaltung von Unternehmen in ihrer öffentlichen Kommunikation wird der direkte Dialog als Wirkungsinstrument für mehr Nachhaltigkeit immer wichtiger.
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Diversitätspolitik und Klimaallianzen: Unternehmen verschieben Prioritäten

Der politische Konfrontationskurs der US-Regierung mit Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung betrifft auch Unternehmen, in die wir investiert sind. Besonders zwei Engagementthemen standen im letzten Jahr immer wieder im Vordergrund: der Austritt verschiedener Unternehmen aus Klimaallianzen sowie der Abbau der Diversitätspolitik.
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Kurz nach dem Austritt aus der Net-Zero Insurance Alliance kündigte Swiss Re an, seine Klimaziele künftig nicht mehr von der Science Based Targets Initiative (SBTi) validieren zu lassen. Die SBTi definiert einen wissenschaftlich fundierten globalen Standard für glaubwürdige Dekarbonisierungsziele und ist deshalb ein wichtiges Qualitätsmerkmal für unsere Nachhaltigkeitsanalysen.

Externe und transparente Prüfprozesse sind zentral für die Glaubwürdigkeit von Klimastrategien. Der Austritt von Swiss Re suggeriert ausserdem, dass Dekarbonisierungspläne nicht mehr zwingend wissenschaftlich validiert werden müssen, was wir sehr bedauern. In einem Schreiben konfrontierten wir Swiss Re mit unseren Bedenken. Das Unternehmen wies einen Zusammenhang mit der Kritik der US-Regierung an Initiativen wie der SBTi zurück und betonte, dass man weiterhin an ihren Klimazielen festhalte und der unternehmenseigene Climate Transition Plan grössere Flexibilität erlaube. Obwohl sich dieser Plan auf die Erkenntnisse der Internationalen Energieagentur und des Weltklimarates stützt, betrachten wir die abnehmende Transparenz und den Ausschluss einer kritischen Öffentlichkeit mit Skepsis.

Wir werden daher weiterhin die Bedeutung unternehmensübergreifender, wissenschaftlich fundierter Dekarbonisierungsinitiativen betonen. Nur so können klimafreundliche Unternehmensstrategien stichhaltig geprüft, verglichen und Unternehmen zur Verantwortung gezogen werden.
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Der deutsche Softwarekonzern SAP kündigte im Frühling 2025 an, den Anteil weiblicher Führungskräfte künftig nicht mehr in die Berechnung der langfristigen variablen Vergütung der Geschäftsleitung einzubeziehen. Wir vermuteten, dass diese Entwicklung direkt mit der Politik des aktuellen US-Präsidenten zusammenhing, der Unternehmensengagements im Bereich Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI: Diversity, Equity, Inclusion) erschwert.

Deshalb sprachen wir SAP direkt auf diesen Umstand an und baten in einer Videokonferenz um eine Stellungnahme. Das Unternehmen bestätigte, dass der Entscheid aufgrund von möglichen rechtlichen Risiken in den USA gefällt wurde. Der US-Markt ist für SAP sehr wichtig, da die Regierung einer der wichtigsten Kunden ist. Obwohl er nachvollziehbar ist, ist der Entscheid dennoch bedauerlich.

Die Verknüpfung von Diversitätszielen mit der Vergütung setzt das Thema hoch auf die Agenda der Geschäftsleitung und unterstreicht seine Bedeutung. SAP betonte, dass der Anteil weiblicher Führungskräfte weltweit weiterhin erfasst und veröffentlicht werde – mit Ausnahme der USA. Zudem versicherte das Unternehmen, dass die Förderung einer vielfältigen Belegschaft und einer inklusiven Unternehmenskultur zentral bleiben werde. Wir beurteilen das Engagement von SAP für Nachhaltigkeit weiterhin als glaubwürdig und schätzen die ehrliche Kommunikation in dieser Angelegenheit sehr.

Grundsätzlich beobachten wir in letzter Zeit vermehrt das Phänomen des «Greenhushing», bei dem die Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsleistungen in ihrer externen Kommunikation verschweigen oder herunterspielen, um sich politisch weniger angreifbar zu machen.

Aus unseren Dialogen geht jedoch meistens hervor, dass die Unternehmen bei ihren Bemühungen um bei ihren Nachhaltigkeitsbemühungen auf Kurs bleiben. Dies wird auch durch eine aktuelle Analyse der Harvard Business Review untermauert: Die überwiegende Mehrheit der untersuchten Unternehmen (87%) behält ihre Nachhaltigkeitsanstrengungen entweder bei oder verstärkt sie sogar noch, auch wenn weniger über Nachhaltigkeit berichtet wird.
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Zugang zur Gesundheitsversorgung und Medikamentenpreise: Roche vs. BAG

Im Juli 2025 zog Roche das Krebsmedikament Lunsumio vom Schweizer Markt zurück. Das Mittel war über ein befristetes «Early-Access»-Verfahren mit tieferen Preisen zugelassen worden, da Wirksamkeitsdaten noch fehlten. Als Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Roche im Februar über eine Verlängerung verhandelten, lehnte Roche den Preisvorschlag ab und verlangte eine Preiserhöhung mit Verweis auf gute Alltagsergebnisse. Das BAG beharrte jedoch auf vollständigen klinischen Nachweisen ohne Sonderregeln. Für Kritik sorgte das Vorgehen Roches auch deshalb, weil der Konzern die Möglichkeit der Einzelfallvergütung in Härtefällen zurückzog.

Wir wandten uns an Roche, um die Hintergründe des Preiskonflikts zu erfahren. In unserem Schreiben äusserten wir Bedenken gegenüber einer aggressiven Preisstrategie, die öffentliche Gesundheitssysteme belastet, sowie den intransparenten Geheimrabatte, die Pharmafirmen in Verhandlungen gegenüber Behörden bevorteilen. Wir unterstrichen ausserdem die Wichtigkeit von vollständigen klinischen Tests für die Zulassung neuer Arzneimittel. Ausnahmeregelungen treiben die Medikamentenpreise systematisch nach oben und können ausserdem ein Sicherheitsrisiko für Patient:innen darstellen.

Wie in der offiziellen Medienmitteilung wies Roche jegliche Kritik von sich. Der Fall Lunsumio stehe paradigmatisch für ein fundamentales Problem für die Pharmaindustrie: Das Schweizer Zulassungs- und Preissystem sei veraltet und müsse dringendst modernisiert werden, damit Patient:innen schneller Zugang zu lebensrettenden Therapien erhalten. Der Zugang sei insbesondere in der Schweiz eingeschränkt. Dem BAG warf das Unternehmen Innovationsfeindlichkeit vor, da dessen Preissystem den Wert innovativer Therapien nicht adäquat widerspiegle. Die Herstellung eines Medikaments sei sehr kostspielig und mit Risiken behaftet – eine Tatsache, welche das BAG zu wenig berücksichtige. Roche betonte, dass Patient:innen, die bereits in Behandlung sind, weiterhin Lunsumio erhalten werden und dass der Zugang auch in Zukunft über das Swiss Patient Access Program (SPAP) möglich sein werde. SPAP ist ein Programm für ausserordentliche Vergütung von Arzneimitteln im Einzelfall, das u. a. von Roche mitinitiiert wurde.

Wie schon die oben besprochenen Unternehmensdialoge kann der Austausch mit Roche sowie die Kontroverse im Allgemeinen in einem übergeordneten politischen Zusammenhang verstanden werden. Die Pharmaindustrie sieht sich seit Monaten einem wachsenden Druck der US-Regierung ausgesetzt, die die Branche für hohe Gesundheitskosten und unverhältnismässige Arzneimittelpreise verantwortlich macht. Die Preiskämpfe in europäischen Ländern sind möglicherweise Versuche, Verluste durch allfällige Zölle und Preisdeckel zu kompensieren.

Trotz dieser komplexen Situation appellieren wir an die soziale Verantwortung des Unternehmens. Roches Preisstrategie steht in einem Spannungsverhältnis zum grundlegenden Ziel, Patient:innen in Not den Zugang zu lebensrettenden Behandlungen zu gewährleisten und wir werden in Unternehmensdialogen weiterhin auf diesen Umstand hinweisen.
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Eskalationsstrategien für glaubwürdiges Nachhaltiges Investieren

Forma Futura zeichnet sich durch ein systematisches und konsequentes Vorgehen im Unternehmensdialog aus.
Kernbestandteil dieses Vorgehens ist eine klar definierte Eskalationsstrategie.
Diese beschreibt einen stufenweisen Eskalationspfad des Unternehmensdialogs im Sinne eines Druckaufbaus gegenüber Unternehmen,
wenn der Dialog unbefriedigend ist. Damit sollen Forderungen an Unternehmen schrittweise mehr Nachdruck und Gewicht verliehen werden.

Eskalationsstufen

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